Im Krankenhaus Universitario de Canarias (HUC) arbeiten aktuell rund 75 Prozent der Ärzte in der Notaufnahme ohne anerkannte Facharztqualifikation. Das berichten mehrere Ärzte des Hauses gegenüber der spanischen Ärztevereinigung Asociación MIR España. Besonders alarmierend: Auch die Leitung des Notdienstes verfügt nicht über eine entsprechende Facharztanerkennung. Diese Situation gefährdet laut Ärzten sowohl die Patienten als auch die Ausbildung der angehenden Fachärzte.
Insgesamt sind von 56 Ärzten im Notfallbereich des HUC nur 15 offiziell über das sogenannte MIR-System (Médico Interno Residente) als Fachärzte ausgebildet. Das MIR ist das offizielle und verpflichtende Facharztausbildungssystem in Spanien, das eine mehrjährige praktische und theoretische Schulung vorsieht. Die übrigen Ärzte, darunter auch die gesamte Leitungsebene, haben diese spezialisierte Ausbildung nicht durchlaufen. Dadurch fehlt es an fachlich qualifizierter Anleitung für die medizinischen Nachwuchskräfte.
Die Asociación MIR España hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Berichte von Assistenzärzten und Fachärzten verschiedener Fachrichtungen am HUC gesammelt. Sie sprechen von einem „absoluten Risiko für Patienten und Ausbildung“. Junge Ärzte werden oft von Kollegen ohne Facharztstatus betreut und müssen selbst Verantwortung für komplexe und kritische Fälle übernehmen. Einige berichten, dass sie als Erstsemester in der Ausbildung bereits eigenständig Patienten mit lebensbedrohlichen Zuständen wie septischem Schock, Schlaganfällen oder Herzrhythmusstörungen behandeln mussten.
Der Präsident der Asociación MIR España, Jesús Arzúa, kritisiert die mangelhafte Organisation scharf: „Es sterben Patienten in den Krankenhausfluren, die auf Behandlung warten. Das ist keine Zufälligkeit, sondern das Ergebnis katastrophaler Managemententscheidungen.“ Er weist darauf hin, dass Ärzte ohne Facharztausbildung keine adäquate Anleitung geben können, was zu einer unsicheren und ineffizienten Versorgung führt. Zudem beklagen einige Ärzte, dass unnötige medizinische Tests veranlasst würden, um Unsicherheiten auszugleichen.
Die Situation belastet auch das Personal psychisch stark. Einige Assistenzärzte sind in psychologischer Behandlung und nehmen Antidepressiva oder Beruhigungsmittel ein, um die ständige Anspannung und Überforderung zu bewältigen. Die Vereinigung kritisiert, dass der Schwerpunkt in der Notaufnahme zu sehr auf der Anzahl der behandelten Patienten liege, anstatt auf einer qualitativ hochwertigen Ausbildung der Ärzte. Die jungen Mediziner würden als billige Arbeitskräfte missbraucht, statt als zukünftige Fachärzte angemessen begleitet und ausgebildet zu werden.
Die Asociación MIR España fordert eine sofortige Überprüfung der Ausbildungssituation am HUC. Eine unabhängige Lehr-Auditierung soll sicherstellen, dass die Aufsicht über die Assistenzärzte den gesetzlichen Anforderungen entspricht und die medizinische Versorgung der Patienten nicht gefährdet ist. Die Organisation weist zudem darauf hin, dass die Facharztanerkennung in der Notfallmedizin in Spanien erst seit 2024 offiziell gilt. Dennoch ist das HUC das einzige Referenzkrankenhaus der Kanarischen Inseln, das keine MIR-Ausbildung in diesem Bereich anbietet – eine Entscheidung der Klinikleitung, die ebenfalls kritisiert wird.
Für Bewohner, Urlauber und Auswanderer auf den Kanaren bedeutet diese Entwicklung eine Verschärfung der ohnehin schon angespannten medizinischen Versorgungslage in der Notfallmedizin. Wer in Not gerät, sollte sich der eingeschränkten Facharztkompetenz bewusst sein und gegebenenfalls alternative Krankenhäuser in der Region in Betracht ziehen. Die Situation verdeutlicht auch die Herausforderungen im spanischen Gesundheitssystem, insbesondere bei der Sicherstellung qualifizierter Fachärzte in spezialisierten Bereichen.
Insgesamt zeigt der Fall HUC, wie wichtig eine fundierte und kontrollierte Facharztausbildung für die Sicherheit von Patienten und die Qualität der medizinischen Versorgung ist. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die geforderten Maßnahmen greifen und die Ausbildungssituation im Notfallbereich auf den Kanarischen Inseln nachhaltig verbessert werden kann.
Quelle: eldiario.es
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