Die Schließung ländlicher Schulen auf den Kanarischen Inseln betrifft weit mehr als nur den Bildungsbereich – sie trifft das Herzstück vieler Dörfer und stellt deren gesellschaftlichen Zusammenhalt infrage. Zwischen 2008 und 2023 sind 165 dieser Schulen verschwunden, allein in den letzten fünf Jahren sank ihre Zahl von 139 auf 121, was einem Rückgang von fast 13 Prozent entspricht. Diese Entwicklung bringt nicht nur logistische Probleme mit sich, sondern gefährdet auch das soziale Gefüge entlegener Gemeinden.
Der Geograph Vicente Zapata, der sich intensiv mit Projekten zur Förderung ländlicher Gemeinschaften beschäftigt, beschreibt Schulen in kleinen Dörfern als „Seele“ der Orte. Sie sind weit mehr als reine Bildungsstätten: Hier entstehen persönliche Beziehungen, Familienbande werden gestärkt, und die Schule fungiert als sozialer Knotenpunkt, der das Dorfleben lebendig hält. Zapata vergleicht den Verlust einer Schule mit dem Erlöschen eines Lichts in der Gemeinschaft – eine Metapher, die die tiefgreifende Bedeutung dieser Einrichtungen unterstreicht.
Für Familien in ländlichen Regionen der Kanaren ist eine nahegelegene Schule ein entscheidender Faktor, um im Dorf zu bleiben. Die tägliche Pendelstrecke zu weiter entfernten Schulen kann viele Familien dazu bewegen, umzuziehen oder aufzugeben. Dabei geht es nicht nur um den reinen Transport, sondern um die Identität und das Zugehörigkeitsgefühl, das Kinder durch den Schulbesuch in ihrem Heimatort entwickeln. In größeren, zentralisierten Schulen droht dieses Gefühl verloren zu gehen, da die individuelle Förderung und das persönliche Umfeld oft fehlen.
Lehrkräfte in diesen ländlichen Schulen übernehmen mehr als nur Unterricht. Sie sind vertraut mit den Bedürfnissen der Familien und vernetzen sich mit lokalen Ressourcen. Ihre Rolle trägt wesentlich zur Stabilität der Dorfgemeinschaft bei. Wenn Schulen geschlossen werden, verschwindet eine oft unsichtbare, aber wichtige Kraft, die das soziale Leben aufrechterhält. Die Botschaft, die eine Schulschließung an die Bewohner sendet, ist fatal: Wenn die Schule schließen kann, wie sieht dann die Zukunft für die Gemeinschaft aus? Dieses Signal schwächt die Bindung junger Menschen an ihren Heimatort und kann langfristig zu einer Entvölkerung führen.
Zapata betont, dass die Entwicklung ländlicher Gebiete nicht nur auf Straßenbau und Breitbandinternet reduziert werden darf. Zwar sind solche Infrastrukturen wichtig, doch ohne grundlegende Dienstleistungen wie Schulen verlieren sie an Wert. Entwicklung heißt für ihn auch, den Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die ländlichen Regionen der Kanaren leisten zudem einen Dienst für die urbanen Zentren, da sie als Rückzugsorte und Erholungsräume geschätzt werden. Dies basiert auf der Arbeit und dem Engagement der dort lebenden Menschen.
Auf Inseln wie La Gomera oder El Hierro zeigt sich die Problematik besonders deutlich. Viele Schülerinnen und Schüler müssen für weiterführende Bildungseinrichtungen weite Wege auf sich nehmen oder sogar außerhalb ihres Heimatortes leben. Das schwächt die Verwurzelung in der Heimat und kann zu einem dauerhaften Bruch mit dem Dorf führen. Schulen sind deshalb mehr als nur Bildungseinrichtungen – sie sind der Anfang einer lebenslangen Beziehung zwischen jungen Menschen und ihren Gemeinden.
Um dem entgegenzuwirken, sollten Kommunen und lokale Behörden junge Menschen auch dann unterstützen, wenn sie für ihre Ausbildung wegziehen. Ein fortwährender Kontakt und Verständnis für die Bedürfnisse der Jugend sind entscheidend. Die Investition in ländliche Schulen ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in die Zukunft – in lebendige Dörfer und eine Gesellschaft, die auf generationsübergreifende Bindungen setzt. Angesichts der zunehmenden Zentralisierung auf den Kanarischen Inseln markieren die Schließungen ländlicher Schulen einen kleinen, aber bedeutsamen Verlust, der das Fortbestehen ganzer Gemeinden infrage stellt.
Quelle: tenerifeweekly.com
Zum Original