Die Zeugen Jehovas, eine religiöse Gemeinschaft mit weltweit über neun Millionen Anhängern, stehen auf Gran Canaria zunehmend im Fokus sozialer Kritik. Ehemalige Mitglieder berichten von Methoden, die weit über den Glauben hinausgehen und tief in das persönliche Leben der Gläubigen eingreifen. So sprechen Betroffene von sogenannten „intimen Verhören“, die in kirchlichen Komitees stattfinden, und von sozialer Isolation als Strafe für Abweichler. Diese Praktiken sind Teil eines hierarchisch organisierten Systems, das den eigenen Willen der Mitglieder stark einschränkt.
Narzalíes Romero, ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas auf Gran Canaria, schildert seine Erfahrungen in der Gemeinschaft. Er wuchs in einem familiär schwierigen Umfeld auf und fand zunächst Halt in der Gruppe. Sein Weg begann 2018, als der Besitzer seines Arbeitsplatzes, selbst Zeuge Jehovas, ihn auf die Glaubensgemeinschaft aufmerksam machte. Durch ein Bibelstudium unter Anleitung eines Gemeindeleiters, eines sogenannten Ältesten, wurde Narzalíes immer tiefer in die Strukturen der Organisation eingebunden. Die Ältesten haben auf lokaler Ebene die höchste Autorität, überwachen die Mitglieder und entscheiden über Disziplinarmaßnahmen bis hin zum Ausschluss.
Die Teilnahme an den Versammlungen vermittelte Narzalíes ein Gefühl von Zugehörigkeit und familiärer Gemeinschaft, das er zuvor vermisst hatte. Zugleich führte die strikte Einhaltung der Glaubensregeln zu persönlichen Einschnitten: So musste er eine Beziehung zu einer Frau außerhalb der Gemeinschaft beenden, um sich taufen zu lassen. Kurz vor seiner offiziellen Aufnahme kam die Corona-Pandemie, was die sozialen Kontakte innerhalb der Gemeinde zusätzlich erschwerte.
Im Juli versammelten sich über 7.000 Zeugen Jehovas zu einer regionalen Versammlung auf Gran Canaria, die unter dem Motto „Glücklich bis ans Ende“ stand. Trotz solcher positiven Botschaften kritisieren ehemalige Mitglieder und externe Beobachter die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Bild und den internen Praktiken. Die Organisation wird zunehmend als Kontrollapparat wahrgenommen, der mit Angst und sozialem Druck arbeitet, um Konformität durchzusetzen.
Bereits im Februar 2023 veröffentlichte der Streamingdienst HBO Max die Dokumentation „Überleben im Paradies: Jenseits der Zeugen Jehovas“, in der ehemalige Mitglieder aus Spanien von Missständen berichten. Im April bestätigte das Gericht in Madrid, dass es rechtens ist, die Zeugen Jehovas als „zerstörerische Sekte“ zu bezeichnen, nachdem eine Klage gegen eine Opfervereinigung abgewiesen wurde.
Diese Entwicklungen zeigen, dass das Thema in Spanien und speziell auf den Kanaren eine breite Debatte ausgelöst hat. Für die betroffenen Gläubigen bedeutet das eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und der Gemeinschaft, die oft mit sozialer Isolation und persönlichem Leid verbunden ist. Für Außenstehende eröffnet sich ein differenzierter Blick auf eine Gruppe, die sich selbst als normale Glaubensgemeinschaft versteht, deren innerer Umgang mit Mitgliedern aber kontrovers diskutiert wird.
Die Zeugen Jehovas auf Gran Canaria stehen somit vor der Herausforderung, ihre Strukturen transparenter zu gestalten und den Umgang mit Mitgliedern kritisch zu hinterfragen. Für Betroffene und Interessierte bleibt die Frage offen, wie sich das Gleichgewicht zwischen religiöser Freiheit und sozialem Schutz künftig gestalten wird.
Quelle: laprovincia.es
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