Rund 45 Prozent der 78 auf den Kanarischen Inseln heimischen Rochen- und Haiarten sind bedroht, doch nur sechs von ihnen genießen gesetzlichen Schutz. Dieses Missverhältnis hat dazu geführt, dass Umweltexperten und Wissenschaftler ein gemeinsames Projekt gestartet haben, um den Schutz dieser Meeresbewohner zu verbessern und die Datenlage zu stärken. Die Initiative wird von der kanarischen Umweltorganisation Latitud Azul geleitet und erhält Förderung durch das EU-Programm BestLife2030.
Das Projekt namens „Conservation Strategies for Sharks and Rays in the Canary Islands“ setzt sich seit einem Jahr dafür ein, wissenschaftliche Informationen über die Biologie und die ökologische Situation dieser Fischarten systematisch zu sammeln und auszuwerten. Ziel ist es, mit belastbaren Daten gegenüber den Behörden eine Erweiterung der Schutzkataloge durchzusetzen. Bisher sind lediglich etwa 7,5 Prozent der Arten offiziell geschützt, was angesichts der ökologischen Bedeutung der Raubfische als Spitzenprädatoren im marinen Ökosystem als unzureichend gilt.
Der Grund für die geringe Zahl geschützter Arten liegt unter anderem im Mangel an detaillierten wissenschaftlichen Untersuchungen. Ohne ausreichende Daten ist es schwierig, die Aufnahme in nationale und regionale Schutzlisten zu erreichen. Zudem erschweren bürokratische Prozesse und begrenzte finanzielle Mittel eine schnellere Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Die Projektverantwortlichen betonen, dass trotz großer Dringlichkeit für den Schutz vieler Arten der behördliche Entscheidungsprozess Jahre in Anspruch nehmen kann.
Die Kanarischen Inseln bilden einen Lebensraum für 25 Rochen- und 53 Haiarten. Diese Arten übernehmen in ihrem marinen Lebensraum wichtige Funktionen, indem sie beispielsweise kranke Tiere aus der Population entfernen und so zur Gesundheit des Ökosystems beitragen. Ein Ungleichgewicht durch den Rückgang dieser Prädatoren könnte zu Problemen in der Fischerei führen und damit auch die Nahrungsmittelsicherheit der Inselbevölkerung beeinträchtigen.
Der Hauptfaktor für die Gefährdung der Rochen und Haie ist menschliches Handeln. Neben der illegalen Fischerei und unbeabsichtigten Beifängen spielen die Zerstörung von Lebensräumen durch Verschmutzung und Tourismus eine bedeutende Rolle. Insbesondere Küstenregionen mit hohem touristischem Druck sind betroffen. Hinzu kommt der Einfluss des Klimawandels, der das marine Ökosystem verändert und die Fortpflanzung einiger Arten negativ beeinflusst, wie eine Studie der Universität Las Palmas de Gran Canaria zu bestimmten Rochenarten belegt.
Aktuell ist nur etwa ein Prozent des Meeresgebiets rund um die Kanaren streng geschützt. Die Wissenschaftler fordern daher die Einrichtung weiterer Schutzgebiete, um den Lebensraum der bedrohten Arten wirksam zu sichern. Ohne den Erhalt geeigneter Habitatzonen werden selbst erweiterte Schutzlisten kaum eine nachhaltige Wirkung entfalten können. Das Projektteam arbeitet deshalb eng mit lokalen Akteuren aus Forschung, Umweltschutz und Verwaltung zusammen, um eine koordinierte Strategie für den Meeresschutz zu entwickeln.
Die nächste Phase des Projekts konzentriert sich darauf, die erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse in konkrete politische Maßnahmen umzusetzen. Ob und wie schnell weitere Arten in die Schutzkataloge aufgenommen werden, hängt nun maßgeblich vom politischen Willen und den administrativen Kapazitäten ab. Die Initiative will durch kontinuierliche Datenbereitstellung und den Dialog mit den Entscheidungsträgern den Druck aufrechterhalten, um den Schutz der Rochen und Haie auf den Kanaren langfristig zu verbessern.
Quelle: diariodeavisos.elespanol.com
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