Seit über 500 Tagen leben die beiden Orcas Wikie und ihr Sohn Keijo in einem kleinen Becken eines geschlossenen Zoos in Frankreich. Am 5. Januar 2023 stellte Marineland, Europas größter Meerespark, aufgrund einer neuen Tierschutzgesetzgebung den Betrieb seiner Delfin- und Orca-Shows ein. Doch die Frage, wie mit den gefangenen Tieren weiter verfahren werden soll, blieb lange ungeklärt. Die Orcas, 24 und 11 Jahre alt, verbringen seither ihre Zeit in einem viel zu kleinen Wasserbecken, was Tierschützer und Experten alarmiert.
Ursprünglich plante die französische Regierung, die Tiere in ein speziell dafür vorgesehenes Schutzgebiet in Kanada umzusiedeln. Diese Option gilt inzwischen aber als kurzfristig nicht realisierbar. Der französische Minister für ökologische Transformation, Mathieu Lefèvre, erklärte auf Instagram, dass die Situation der Orcas „eingefroren“ sei. Angesichts der schlechten Zustände der aktuellen Unterbringung und der fehlenden Alternativen schlug er vor, die Tiere in den Loro Parque auf Teneriffa zu bringen. Der Park gehört dem deutschen Unternehmer Wolfgang Kiessling und beherbergt bereits vier Orcas.
Loro Parque hat von Beginn an Interesse gezeigt, Wikie und Keijo aufzunehmen und argumentiert mit einer „moralischen Verantwortung“. Allerdings verlangt das Unternehmen die Zustimmung der spanischen Behörden, um die rechtliche Sicherheit des Transfers zu gewährleisten. Die spanische wissenschaftliche Behörde, vertreten durch das Museo Nacional de Ciencias Naturales (MNCN-CSIC), hat den Umzug der Orcas nach Teneriffa jedoch bislang abgelehnt. Sie beruft sich auf wissenschaftliche Kriterien, die das Wohlbefinden und den Erhalt der Tiere betreffen.
Der Streit hat eine juristische Dimension angenommen: Loro Parque reichte eine Klage gegen das CITES-Komitee ein, das den internationalen Handel mit gefährdeten Tierarten reguliert, und forderte die Veröffentlichung des wissenschaftlichen Gutachtens. Das spanische Ministerium für ökologische Transition betont, dass die Entscheidung über den Transfer letztlich bei Frankreich liege, jedoch im strengen Rahmen der europäischen und nationalen Gesetze erfolgen müsse. Es verweist auf Artikel 9 der EU-Verordnung 338/97, wonach die Genehmigung für den Transfer von der CITES-Behörde des Ursprungslandes (hier Frankreich) abhängt, basierend auf einer positiven wissenschaftlichen Bewertung des Ziellandes (Spanien).
Das spanische Ministerium weist zudem darauf hin, dass Frankreich unter bestimmten Ausnahmen die Regeln umgehen könnte, etwa durch eine Änderung des Herkunftscodes der Tiere. Spanien hat die Europäische Kommission konsultiert, die darauf pocht, dass der Fall nur im Einklang mit den bestehenden EU-Regelungen und dem CITES-Abkommen gelöst werden darf – nicht durch bilaterale Absprachen außerhalb der EU-Mechanismen.
Die Tierschutzorganisation PETA hat sich gegen den Transfer ausgesprochen. Die europäische Vizepräsidentin Mimi Bekhechi kritisiert, dass in Loro Parque weiterhin Orcas in Gefangenschaft gehalten und für Shows genutzt werden. Sie fordert ein Ende der Haltung von Meeressäugern in Zoos und Aquarien, um deren Ausbeutung zu stoppen.
Für Bewohner, Urlauber und Auswanderer auf den Kanarischen Inseln bedeutet diese Entwicklung, dass das Loro Parque als einer der touristischen Anziehungspunkte weiterhin umstritten bleibt. Der mögliche Zuzug zweier weiterer Orcas könnte die Debatte um Tierwohl und ethische Verantwortung im Tourismus auf den Inseln neu entfachen. Gleichzeitig zeigt der Fall die komplexen Herausforderungen beim Schutz von Wildtieren in Gefangenschaft auf – mit weitreichenden Konsequenzen für Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit in Europa.
Quelle: eldiario.es
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