Nur wenige Tage vor dem geplanten Massenrauswurf in Becerril de Guía auf Gran Canaria wächst die Sorge um fast 100 Betroffene, darunter zahlreiche Familien mit Kindern. Am 30. Juni sollen etwa 50 Menschen ihre Behausungen verlassen müssen, nachdem das mächtige Bananenunternehmen Félix Santiago das Gelände räumen lässt. Die Situation spitzt sich zu, weil die betroffenen Familien bislang keine Unterkunfts- oder Hilfsangebote erhalten haben.
In einer jüngsten Zusammenkunft zwischen dem Rathaus von Guía und vier Familien mit minderjährigen Kindern wurde den Bewohnern mitgeteilt, dass keine Lösungen für sie bereitstünden. Zudem warnte die Gemeinde, dass Kinder, die am Tag der Räumung auf der Straße angetroffen werden, in ein Jugendheim gebracht würden. Diese Äußerung wurde von den Bewohnern als Drohung empfunden. An dem Treffen nahmen neben dem Sozialdezernenten Alejandro Rivero Díaz auch zwei Sozialarbeiter sowie Vertreter der örtlichen Polizei und Guardia Civil teil.
Der Bürgermeister von Santa María de Guía, Alfredo Gonçalves Ferreira, hatte bereits vor zwei Monaten angekündigt, dass der Massenrauswurf bevorstehe. Das Rathaus registrierte mindestens 79 Personen im betroffenen Siedlungsgebiet, von denen nun rund 50 von der Räumung betroffen sein sollen. Seit Dezember 2024 liegt ein gerichtlicher Beschluss vor, der die Räumung des Grundstücks des Unternehmens Félix Santiago Melián anordnet. Trotz dieser langen Vorlaufzeit fehlen konkrete Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen.
Die Vollstreckung des Räumungsbefehls wurde mehrfach gerichtlich verschoben, zuletzt wegen fehlender sozialer Gefährdungsberichte. Das Gericht forderte im März erneut entsprechende Gutachten vom Rathaus ein, doch bisher bleibt unklar, wie viele dieser Berichte tatsächlich erstellt und eingereicht wurden. Eine Anwältin einer betroffenen Person legte bereits Berufung gegen die Räumung ein. Sie kritisiert, dass der Beschluss keine angemessene Berücksichtigung der sozialen Verwundbarkeit ihres Mandanten enthält und fordert eine Neubewertung der Situation.
Das Rathaus verweist auf eine „stets kooperative Haltung“ gegenüber dem Gericht, gibt jedoch keine Details zu den vorgelegten Berichten heraus, da es sich um „sensible Informationen“ handele. Die prekäre Lage führte im April zu einer öffentlichen Bitte des Rathauses um Unterstützung durch das Cabildo von Gran Canaria, die Kanarische Regierung und die Zentralregierung, um die sozialen und gesundheitlichen Folgen des Räumungsbefehls abzumildern. Dabei wurde offiziell eine „Situation sozialer und gesundheitlicher Gefährdung“ festgestellt.
Trotz der Kontaktaufnahme mit verschiedenen Behörden und Hilfsorganisationen, darunter auch das Rote Kreuz, fehlen bisher konkrete Maßnahmen und Ressourcen. Die geplante Zusammenarbeit mit der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft VISOCAN kam nicht zustande. Viele Bewohner haben den Ort bereits verlassen, um der drohenden Obdachlosigkeit zu entgehen.
Die Gemeinde Guía verfügt über keine eigenen Wohnungsressourcen für Notfälle und ist daher auf Unterstützung anderer Stellen angewiesen. Die Mittel für soziale Dienste sind zudem rückläufig: Das diesjährige Budget für das Sozialwesen liegt um 4.416,98 Euro unter dem des Vorjahres. Mit nur fünf Sozialarbeiterinnen, davon drei festangestellt, zwei befristet und eine extern für das kanarische Sozialgeldprogramm zuständig, ist das Personal überlastet. Die Bearbeitung von Fällen sozialer Verwundbarkeit, Hilfen und alternativen Wohnmöglichkeiten gestaltet sich unter diesen Bedingungen schwierig.
Für Urlauber, Auswanderer und Einwohner auf den Kanarischen Inseln zeigt dieser Fall die angespannte Lage bei der sozialen Versorgung und die Herausforderungen, die mit Massenräumungen verbunden sind. Die Unsicherheit für die Betroffenen in Guía verdeutlicht die Notwendigkeit koordinierter Hilfsmaßnahmen und ausreichend verfügbarer sozialer Infrastruktur, die aktuell nicht gegeben sind. Die kommenden Tage werden zeigen, wie die Behörden mit der kritischen Situation umgehen werden und ob es kurzfristig Lösungen für die Betroffenen geben kann.
Quelle: eldiario.es
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