Wildschweine, Schlangen und Dengue-Mücken: Studie warnt vor invasiven Arten auf den Kanaren
Wildschweine, fremde Schlangenarten und die Gelbfiebermücke könnten in den kommenden zehn Jahren zu erheblichen Problemen auf den Kanarischen Inseln führen. Eine neue wissenschaftliche Studie untersucht, welche bislang nicht oder nicht dauerhaft etablierten Arten künftig die einheimische Tier- und Pflanzenwelt, die Landwirtschaft und die Gesundheit der Bevölkerung gefährden könnten. Die Forscher sehen vor allem bei Reptilien, Süßwasserfischen und bestimmten Insekten Handlungsbedarf.
Das Wichtigste in Kürze
- Wissenschaftliche Untersuchung: 37 Fachleute bewerteten insgesamt 823 gebietsfremde Arten.
- Umweltrisiken: 94 Arten wurden als hohes oder sehr hohes Risiko für die Natur eingestuft.
- Wirtschaft und Gesundheit: 49 Arten könnten erhebliche sozioökonomische Schäden verursachen.
- Besonders auffällig: Wildschweine, fremde Schlangenarten, bestimmte Süßwasserfische und die Gelbfiebermücke.
- Zeitraum: Die Untersuchung betrachtet mögliche Entwicklungen innerhalb der nächsten zehn Jahre.
- Empfehlung: Bessere Kontrollen bei Einfuhren, Tierhandel und Schiffsverkehr sowie frühzeitige Bekämpfung neu entdeckter Arten.
Warum die Kanaren besonders gefährdet sind
Die Kanarischen Inseln besitzen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, die ausschließlich auf dem Archipel vorkommen. Diese sogenannten endemischen Arten haben sich über lange Zeit in voneinander getrennten Lebensräumen entwickelt.
Gelangen neue Tier- oder Pflanzenarten auf die Inseln, können sie die vorhandenen Ökosysteme verändern. Besonders problematisch sind Arten, die keine natürlichen Feinde haben, sich schnell vermehren oder einheimische Tiere als Beute nutzen.
Eine Untersuchung, die am 30. September 2026 in der Fachzeitschrift Diversity and Distributions veröffentlicht wurde, beschäftigt sich deshalb mit einer entscheidenden Frage: Welche gebietsfremden Arten könnten in den kommenden zehn Jahren auf die Kanaren gelangen, sich dort ansiedeln und größere Schäden verursachen?
Dazu bewerteten 37 Fachleute insgesamt 823 Arten aus fünf Gruppen: Meerestiere, Süßwasserorganismen, landlebende Wirbeltiere, wirbellose Landtiere und Pflanzen.
Die Ergebnisse sollen den Behörden helfen, Kontrollen und Schutzmaßnahmen gezielter einzusetzen.
Wildschweine könnten empfindliche Lebensräume verändern
Zu den Arten mit einem besonders hohen potenziellen Umweltrisiko zählt das Wildschwein (Sus scrofa).
Wildschweine durchwühlen bei der Nahrungssuche den Boden. Dadurch können sie die Vegetation beschädigen, junge Pflanzen zerstören und die natürliche Regeneration empfindlicher Lebensräume beeinträchtigen.
Was auf dem spanischen Festland eine heimische Tierart ist, kann auf einer isolierten Insel ein erhebliches ökologisches Problem darstellen.
Die Forscher bewerten außerdem den Rotfuchs (Vulpes vulpes) als potenziell besonders problematisch.
Die Einstufung bedeutet nicht, dass sich Wildschweine oder Füchse bereits auf den Kanaren ausbreiten. Sie beschreibt das Risiko, das bei einer Einschleppung und erfolgreichen Ansiedlung entstehen könnte.
Fremde Schlangen bedrohen einheimische Reptilien
Auch mehrere Schlangenarten stehen auf der Liste der besonders gefährlichen potenziellen Eindringlinge.
Dazu gehören die Hufeisennatter (Hemorrhois hippocrepis), die Treppennatter (Zamenis scalaris) und die Kornnatter (Pantherophis guttatus).
Diese Arten können kleine Wirbeltiere erbeuten. Auf den Kanaren sind insbesondere einheimische Eidechsen und Geckos empfindlich gegenüber zusätzlichen Fressfeinden.
Wie schwerwiegend die Folgen eingeschleppter Schlangen sein können, zeigt bereits die Kalifornische Kettennatter auf Gran Canaria. Sie ist dort eine bekannte invasive Art und bedroht die heimische Reptilienfauna.
Die neue Studie soll helfen, vergleichbare Entwicklungen durch andere Arten möglichst früh zu verhindern.
Gelbfiebermücke: Ein mögliches Risiko für die Gesundheit
Während Wildschweine und Schlangen vor allem wegen möglicher ökologischer Schäden auffallen, steht bei der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) die menschliche Gesundheit im Vordergrund.
Diese Mückenart kann unter geeigneten Bedingungen verschiedene Krankheitserreger übertragen, darunter die Erreger von Dengue, Zika und Gelbfieber.
Die Forscher stufen sie als eine von zwei Arten mit besonders hohem sozioökonomischem Risiko ein.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen dem Auftreten einzelner Mücken und einer dauerhaft etablierten Population. Auch der Nachweis einer Mückenart bedeutet nicht automatisch, dass Krankheitserreger übertragen werden.
Auf den Kanaren werden invasive Mücken bereits durch Überwachungsprogramme kontrolliert. Frühzeitige Funde können dazu beitragen, eine dauerhafte Ansiedlung zu verhindern.
Auch Landwirtschaft und Palmenbestände können betroffen sein
Invasive Arten können nicht nur die Natur schädigen, sondern auch wirtschaftliche Folgen haben.
Die Studie nennt beispielsweise die Orientalische Fruchtfliege (Bactrocera dorsalis) als eine Art mit hohem potenziellem sozioökonomischem Risiko.
Solche Schädlinge können den Obstbau beeinträchtigen und zusätzliche Kontrollmaßnahmen erforderlich machen.
Ein weiteres Beispiel ist der Rote Palmrüssler (Rhynchophorus ferrugineus). Der Käfer wurde in der Vergangenheit auf den Kanaren eingeschleppt und konnte Palmen schwer beschädigen.
Nach den Angaben der wissenschaftlichen Studie wurde der Rote Palmrüssler bis 2016 auf dem Archipel erfolgreich ausgerottet. Seine Aufnahme in die Risikobewertung zeigt, dass auch eine erneute Einschleppung bereits bekannter Schädlinge berücksichtigt werden muss.
Wie gelangen fremde Arten auf die Kanaren?
Die geografische Isolation der Kanaren schützt die Inseln nicht vollständig vor neuen Arten.
Durch den internationalen Handel, die Schifffahrt und den Transport von Pflanzen und Tieren bestehen zahlreiche Möglichkeiten für eine unbeabsichtigte Einschleppung.
Besonders relevant sind:
- Pflanzenimporte: Mit Zierpflanzen und Erde können Insekten, Eier oder andere Organismen eingeführt werden.
- Exotische Haustiere: Entkommene oder ausgesetzte Reptilien und andere Tiere können sich unter günstigen Bedingungen vermehren.
- Aquarienhandel: Ausgesetzte Zierfische können empfindliche Süßwasserlebensräume beeinträchtigen.
- Schiffsverkehr: Organismen können im Ballastwasser oder an Schiffsrümpfen zwischen verschiedenen Regionen transportiert werden.
- Verkehr zwischen den Inseln: Bereits eingeschleppte Arten können durch Waren- und Tiertransporte auf weitere Inseln gelangen.
Besonders problematisch wird es, wenn eingeschleppte Arten erst entdeckt werden, nachdem sie sich bereits erfolgreich vermehrt haben.
Welche Maßnahmen empfehlen die Forscher?
Die Wissenschaftler schlagen vor, die Überwachung stärker auf jene Arten zu konzentrieren, bei denen eine Einschleppung besonders schwere Folgen hätte.
Dazu gehören gezielte Kontrollen an möglichen Eintragswegen, bessere Informationen über gehandelte Tier- und Pflanzenarten sowie Frühwarnsysteme.
Außerdem empfehlen sie, bestehende Listen problematischer Arten zu überprüfen und gegebenenfalls neue Arten in rechtliche Schutz- und Kontrollregelungen aufzunehmen.
Ein wesentlicher Punkt ist die schnelle Reaktion nach einem Fund. Wird eine invasive Art entdeckt, bevor sie sich großflächig ausgebreitet hat, bestehen häufig bessere Möglichkeiten zur Eindämmung oder Entfernung.
Unsere Einordnung: Vorbeugung ist entscheidend
Die Studie beschreibt keine unmittelbar bevorstehende Invasion von 106 Arten. Sie ist eine wissenschaftliche Risikobewertung, die den Behörden helfen soll, mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen.
Gerade auf den Kanaren ist das wichtig. Einmal etablierte invasive Arten lassen sich häufig nur mit großem Aufwand kontrollieren.
Das Beispiel der Kalifornischen Kettennatter auf Gran Canaria zeigt, wie schwer es sein kann, eine eingeschleppte Tierart wieder aus einem Ökosystem zu entfernen.
Für die Bevölkerung ergibt sich daraus vor allem ein praktischer Hinweis: Exotische Haustiere und Aquarientiere dürfen nicht in der Natur ausgesetzt werden. Auch beim Transport von Pflanzen und Tieren zwischen den Inseln sollten die geltenden Vorschriften beachtet werden.
Die Untersuchung liefert keine Vorhersage darüber, welche Art tatsächlich als Nächstes auf den Kanaren auftauchen wird. Sie zeigt vielmehr, bei welchen Arten eine frühzeitige Überwachung besonders sinnvoll sein könnte.
Quellen:
- Franco et al. (2026): Preventing Invasive Non-Native Species: A Horizon Scanning for the Canary Islands. Diversity and Distributions, DOI: 10.1111/ddi.70248.
- Diario de Avisos, 24. Oktober 2026.
- Gobierno de Canarias: Informationen zu gebietsfremden invasiven Arten.
Weiterführende Artikel:
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Neue Gesetzesinitiative zur Boden- und Naturschutzgesetzgebung auf den Kanaren

