Wohnungsnot auf den Kanaren: Alle 88 Gemeinden erfüllen laut Studie Kriterien für Mietpreisregulierung
Die Wohnungsprobleme auf den Kanarischen Inseln beschränken sich nach einer neuen Untersuchung nicht mehr auf die großen Städte und touristischen Zentren. Laut der politischen Organisation Drago Canarias erfüllen sämtliche 88 Gemeinden des Archipels mindestens eine gesetzliche Voraussetzung, um als Gebiet mit angespanntem Wohnungsmarkt eingestuft zu werden. In 42 Gemeinden sind demnach sogar beide Kriterien erfüllt.
Die am 20. Oktober 2026 vorgestellte Untersuchung könnte die Diskussion über Mietpreisbegrenzungen und weitere Maßnahmen gegen die Wohnungsnot auf den Kanaren verstärken. Eine behördliche Einstufung ist mit der Veröffentlichung der Studie allerdings noch nicht verbunden.
Das Wichtigste in Kürze
- 88 Gemeinden: Laut Drago Canarias erfüllen alle kanarischen Gemeinden mindestens ein gesetzliches Kriterium für einen angespannten Wohnungsmarkt.
- 42 Gemeinden: Fast die Hälfte erfüllt nach der Untersuchung beide Voraussetzungen.
- Starke Preissteigerungen: In La Matanza de Acentejo auf Teneriffa stiegen die ausgewerteten Kaufpreise zwischen 2020 und 2025 um 99,35 %.
- Mietpreisregulierung: Eine offizielle Einstufung könnte unter anderem Begrenzungen bei bestimmten Wohnungsmieten ermöglichen.
- Noch keine automatische Änderung: Die Untersuchung ersetzt nicht die erforderliche behördliche Erklärung.
Was bedeutet eine angespannte Wohnungsmarktzone?
Das spanische Wohnungsgesetz Ley 12/2023 ermöglicht es den zuständigen Behörden, Gebiete mit besonders schwierigen Wohnverhältnissen als zona de mercado residencial tensionado einzustufen.
Damit sollen Regionen erfasst werden, in denen die Wohnkosten im Verhältnis zu den Einkommen besonders hoch sind oder die Immobilienpreise außergewöhnlich stark gestiegen sind.
Artikel 18 des Gesetzes sieht zwei mögliche Voraussetzungen vor:
1. Hohe Belastung durch Wohnkosten
Die durchschnittlichen Kosten für Miete oder Hypothek einschließlich grundlegender Nebenkosten und Versorgungsleistungen übersteigen 30 % des durchschnittlichen Haushaltseinkommens.
2. Überdurchschnittlicher Preisanstieg
Die Kauf- oder Mietpreise sind innerhalb der vergangenen fünf Jahre mindestens drei Prozentpunkte stärker gestiegen als der kumulierte Verbraucherpreisindex der jeweiligen autonomen Gemeinschaft.
Für den von Drago Canarias untersuchten Zeitraum ergibt sich auf den Kanaren nach Angaben der Organisation eine Schwelle von 25,3 %.
Es genügt grundsätzlich, wenn eines dieser Kriterien erfüllt ist. Allerdings muss die zuständige Verwaltung die Voraussetzungen in einem förmlichen Verfahren anhand entsprechender Daten begründen.
Wo sind die Immobilienpreise besonders stark gestiegen?
Die Untersuchung von Drago Canarias zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den Gemeinden. Besonders auffällig sind die Preissteigerungen in mehreren kleineren Orten, die teilweise deutlich über denen der Inselhauptstädte liegen.
Die folgenden Zahlen beziehen sich auf die von Drago ausgewerteten Kaufpreise für Wohnungen und Häuser, nicht auf die Entwicklung der Wohnungsmieten.
| Gemeinde | Preisanstieg 2020–2025 |
|---|---|
| La Matanza de Acentejo, Teneriffa | +99,35 % |
| Santa Cruz de Tenerife | +67,50 % |
| La Oliva, Fuerteventura | +66,85 % |
| Teguise, Lanzarote | +65,97 % |
| Ingenio, Gran Canaria | +59,75 % |
| Los Llanos de Aridane, La Palma | +52,40 % |
| San Sebastián de La Gomera | +33,08 % |
| Las Palmas de Gran Canaria | +30,23 % |
Besonders deutlich ist die Entwicklung in La Matanza de Acentejo. Dort stieg der ausgewertete Quadratmeterpreis von 1.070 Euro im Jahr 2020 auf 2.133 Euro im Jahr 2025.
In Ingenio auf Gran Canaria erhöhte sich der Preis im gleichen Zeitraum von 867 auf 1.385 Euro pro Quadratmeter.
Die Zahlen verdeutlichen, dass steigende Immobilienpreise nicht ausschließlich ein Problem der touristischen Küstenregionen sind.
Was könnte sich für Mieter ändern?
Eine offizielle Erklärung als angespannter Wohnungsmarkt könnte Auswirkungen auf neue Mietverträge haben.
Das spanische Mietrecht sieht für entsprechend ausgewiesene Gebiete besondere Regelungen vor. Dazu gehören unter bestimmten Voraussetzungen:
- Begrenzungen bei der Festlegung der Miete für neue Verträge.
- Besondere Vorschriften für Vermieter, die als große Wohnungseigentümer (grandes tenedores) gelten.
- Die Anwendung staatlicher Referenzwerte bei bestimmten Mietverhältnissen.
- Zusätzliche öffentliche Maßnahmen zur Förderung bezahlbarer Mietwohnungen.
Die konkreten Auswirkungen hängen unter anderem davon ab, ob bereits ein Mietvertrag bestand, welcher Vermietertyp betroffen ist und welche gesetzlichen Ausnahmen gelten.
Wichtig ist: Eine Erklärung als angespannte Zone bedeutet weder, dass sämtliche Mieten automatisch sinken, noch dass bestehende Mietverträge pauschal neu berechnet werden.
Was bedeutet das für Vermieter und Eigentümer?
Auch für Wohnungseigentümer wäre eine offizielle Einstufung relevant.
Bei neuen Mietverträgen könnten zusätzliche gesetzliche Grenzen für die Miethöhe gelten. Für große Vermieter bestehen dabei teilweise andere Vorgaben als für Eigentümer mit nur einer oder wenigen Wohnungen.
Die Einstufung würde allerdings kein generelles Verbot von Mieterhöhungen oder Immobilienverkäufen bedeuten.
Ebenso wenig folgt daraus automatisch eine Preisobergrenze für den Verkauf einer Immobilie.
Die besonderen Mietpreisregeln betreffen vor allem den regulären Wohnraummietmarkt. Ferienvermietungen unterliegen anderen Vorschriften und dürfen nicht ohne Weiteres mit gewöhnlichen Wohnraummietverträgen gleichgesetzt werden.
Warum fordert Drago Canarias die Einstufung aller Gemeinden?
Drago Canarias sieht in den Ergebnissen einen Beleg dafür, dass die Wohnungsprobleme den gesamten Archipel betreffen.
Die Organisation fordert deshalb, die Möglichkeiten des staatlichen Wohnungsgesetzes zu nutzen und entsprechende Verfahren zur Einstufung einzuleiten.
Ihre nationale Sprecherin Carmen Peña kritisiert, dass die zuständigen Institutionen nach Auffassung ihrer Partei bislang nicht ausreichend gehandelt hätten.
Dabei handelt es sich um eine politische Forderung. Die Untersuchung wurde von einem Analyseteam der Partei erstellt und stellt keine behördliche Entscheidung dar.
Wie zuverlässig sind die Zahlen?
Für die Untersuchung wurden nach Angaben von Drago Canarias Daten des spanischen Statistikamtes INE, des kanarischen Statistikamtes ISTAC und des Consejo General del Notariado verwendet.
Die Immobilienpreise pro Quadratmeter stammen demnach aus notariell erfassten Kauftransaktionen.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu Immobilienportalen: Angebotspreise zeigen, welche Beträge Verkäufer verlangen, während notarielle Transaktionsdaten auf tatsächlich abgeschlossenen Käufen beruhen.
Allerdings können auch solche Durchschnittswerte durch Unterschiede bei Lage, Größe, Zustand und Art der verkauften Immobilien beeinflusst werden.
Außerdem belegt die Entwicklung der Kaufpreise allein noch nicht, wie hoch die aktuelle Mietbelastung einzelner Haushalte ist. Dafür müssen zusätzlich Einkommen, Mietkosten und grundlegende Ausgaben betrachtet werden.
Die Ergebnisse der Partei liefern somit Anhaltspunkte für die Wohnungsmarktentwicklung. Ob die Voraussetzungen für eine offizielle Einstufung im jeweiligen Gebiet erfüllt sind, muss die zuständige Verwaltung eigenständig prüfen.
Unsere Einordnung: Die Wohnungsnot betrifft längst nicht nur die Touristengebiete
Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Die Diskussion über bezahlbaren Wohnraum auf den Kanaren darf sich nicht ausschließlich auf die bekannten touristischen Zentren konzentrieren.
Dass La Matanza de Acentejo auf Teneriffa nach den ausgewerteten Daten einen stärkeren Kaufpreisanstieg verzeichnet als Santa Cruz de Tenerife, verdeutlicht die Entwicklung auch außerhalb der großen Städte.
Für Menschen, die dauerhaft auf den Kanaren leben, ist dabei nicht nur die Höhe der Miete entscheidend. Ebenso wichtig ist, ob überhaupt ausreichend Wohnungen für langfristige Mietverhältnisse angeboten werden.
Eine Mietpreisbegrenzung könnte bestimmte Haushalte entlasten. Sie schafft jedoch für sich genommen keine zusätzlichen Wohnungen.
Deshalb müssen neben möglichen Preisregulierungen auch der soziale Wohnungsbau, die Bereitstellung von Bauland, die Nutzung leerstehender Immobilien und die Entwicklung des langfristigen Mietangebots betrachtet werden.
Die entscheidende Frage ist nun, ob die kanarische Regierung die vorgelegten Ergebnisse zum Anlass nimmt, offizielle Prüfverfahren einzuleiten. Erst dann wird sich zeigen, in welchen Gemeinden tatsächlich Maßnahmen nach dem staatlichen Wohnungsgesetz angewendet werden können.
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