Kritik an zunehmender Privatisierung des Gesundheitssystems auf den Kanaren – Gesundheit (Fallback Gesundheit)

Kritik an zunehmender Privatisierung des Gesundheitssystems auf den Kanaren

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Von Thomas John - Redaktion Kanaren Nachrichten

18. Oktober 2026

Gesundheitssystem auf den Kanaren: Hohe private Kosten und 158.000 Patienten auf Facharzt-Wartelisten

Die Kanarischen Inseln gehören laut einem aktuellen Bericht der Federación de Asociaciones para la Defensa de la Sanidad Pública (FADSP) zu den spanischen Regionen mit dem höchsten Privatisierungsgrad im Gesundheitswesen. Im Vergleich der autonomen Gemeinschaften belegen die Kanaren den vierten Platz. Der Verband kritisiert insbesondere die Vergabe öffentlicher Gesundheitsleistungen an private Einrichtungen, lange Wartezeiten und die finanziellen Belastungen für Patienten.

Wie angespannt die Versorgung ist, zeigen auch aktuelle amtliche Zahlen: Ende Juni 2026 warteten auf den Kanaren 158.358 Menschen auf einen Termin bei einem Facharzt. Das waren 7.383 mehr als ein Jahr zuvor.

Das Wichtigste in Kürze

  • Privatisierungsindex: Kanaren mit 26 Punkten auf Platz vier im FADSP-Vergleich 2026
  • Private Fachärzte: 24,7 Prozent der Bevölkerung haben nach Angaben des Verbands private Facharztleistungen genutzt
  • Private Hausärzte: 23,6 Prozent nutzten laut FADSP einen Hausarzt über eine private Versicherung
  • Gesundheitsausgaben: 553,35 Euro private Ausgaben pro Einwohner nach den im Bericht genannten Zahlen
  • Facharzt-Warteliste: 158.358 Patienten Ende Juni 2026
  • Entwicklung: 4,9 Prozent mehr Patienten auf der Facharzt-Warteliste als im Juni 2025
  • Kritik: Der Verband sieht eine zunehmende Abhängigkeit von privaten Gesundheitsdienstleistern

Kanaren auf Platz vier beim Privatisierungsindex

Die FADSP hat am 6. Oktober 2026 ihren zwölften Bericht über die Privatisierung der Gesundheitsversorgung in Spanien veröffentlicht.

Darin vergleicht der Verband die autonomen Gemeinschaften anhand von zehn Indikatoren. Berücksichtigt werden unter anderem die Rolle privater Einrichtungen, private Krankenversicherungen, die Finanzierung und die Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Gesundheitssektor.

Im aktuellen Index ergibt sich folgende Rangfolge an der Spitze:

Autonome Gemeinschaft Indexpunkte
Madrid 34
Balearen 28
Katalonien 28
Kanarische Inseln 26

Die Kanaren gehören damit nach der Bewertungsmethode des Verbands zu den vier Regionen mit dem höchsten Privatisierungsgrad.

Die Punktzahl ist allerdings kein Prozentwert. Sie bedeutet beispielsweise nicht, dass 26 Prozent des kanarischen Gesundheitssystems privatisiert sind.

Auch handelt es sich um einen Index einer gesundheitspolitischen Interessenorganisation und nicht um eine amtliche Einstufung der Qualität der medizinischen Versorgung.

Warum gehen viele Patienten zu privaten Ärzten?

Ein wesentlicher Kritikpunkt des Verbands sind die Schwierigkeiten beim Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung.

Nach den von FADSP veröffentlichten Angaben haben 24,7 Prozent der Bevölkerung private Fachärzte in Anspruch genommen. Weitere 23,6 Prozent nutzten Hausärzte im Rahmen privater Versicherungsangebote.

Diese Werte beschreiben unterschiedliche Leistungen und dürfen nicht addiert werden, da dieselben Personen beide Angebote nutzen können.

Guillermo de la Barreda, Präsident der Asociación para la Defensa de la Sanidad Pública de Canarias, sieht in den langen Wartezeiten einen wesentlichen Grund für die Nachfrage nach privaten Arztterminen.

Seiner Einschätzung nach entscheiden sich zahlreiche Patienten nicht aus grundsätzlicher Vorliebe für private Medizin, sondern weil sie schneller untersucht oder behandelt werden möchten.

Ob die gestiegene private Nutzung ausschließlich durch Wartezeiten verursacht wird, lässt sich aus diesen Angaben allerdings nicht ableiten.

Mehr als 158.000 Menschen warten auf einen Facharzttermin

Die Kritik an den Wartezeiten lässt sich durch aktuelle amtliche Zahlen ergänzen.

Nach einer Veröffentlichung des Instituto Canario de Estadística (ISTAC) vom 13. Oktober 2026 standen Ende Juni insgesamt 158.358 Menschen auf den Wartelisten für fachärztliche Erstkonsultationen.

Gegenüber Juni 2025 entspricht das einem Anstieg um 7.383 Personen beziehungsweise 4,9 Prozent.

Besonders viele Patienten warteten in zwei Fachrichtungen:

Fachrichtung Wartende Patienten Ende Juni 2026
Augenheilkunde 29.779
Dermatologie 28.014

In der Dermatologie stieg die Zahl der Wartenden innerhalb eines Jahres um 3.887.

In der Augenheilkunde sank sie dagegen um 2.134 Personen.

Die Daten zeigen, dass sich die Situation je nach Fachrichtung unterschiedlich entwickelt.

Wichtig ist außerdem: Die 158.358 Personen beziehen sich auf fachärztliche Konsultationen. Wartelisten für Operationen oder diagnostische Untersuchungen sind davon zu unterscheiden und dürfen nicht einfach hinzugerechnet werden, ohne mögliche Überschneidungen zu berücksichtigen.

Was kosten private Gesundheitsleistungen auf den Kanaren?

Nach den im FADSP-Bericht genannten Angaben belaufen sich die privaten Gesundheitsausgaben auf durchschnittlich 553,35 Euro pro Einwohner.

Zu diesen Ausgaben gehören beispielsweise Leistungen aus folgenden Bereichen:

  • Zahnmedizin
  • Brillen und andere optische Leistungen
  • Hörversorgung
  • Private Facharzttermine
  • Diagnostische Untersuchungen
  • Physiotherapie und Rehabilitation

Die Zahl bedeutet nicht, dass jeder Einwohner persönlich genau diesen Betrag bezahlt oder dass es sich ausschließlich um Beiträge zur privaten Krankenversicherung handelt.

Ein Durchschnittswert kann sowohl Menschen mit hohen Behandlungskosten als auch Einwohner umfassen, die kaum oder keine privaten Leistungen in Anspruch genommen haben.

Zusätzliche Ausgaben können insbesondere dann entstehen, wenn Patienten medizinische Leistungen privat bezahlen, weil sie nicht auf einen Termin im öffentlichen System warten möchten.

Öffentliche Gelder für private Einrichtungen

Der FADSP-Bericht kritisiert auch die Vergabe öffentlich finanzierter Gesundheitsleistungen an private Krankenhäuser und andere Dienstleister.

Guillermo de la Barreda beziffert den Anteil des öffentlichen Gesundheitsbudgets, der über entsprechende Verträge und Vereinbarungen an private Anbieter fließt, auf 7,3 Prozent beziehungsweise rund 334,8 Millionen Euro.

Solche Vereinbarungen werden in Spanien als conciertos sanitarios bezeichnet.

Dabei bezahlt das öffentliche Gesundheitssystem bestimmte Leistungen, die von privaten Einrichtungen erbracht werden.

Für Patienten bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass sie die Behandlung selbst bezahlen müssen. Eine öffentlich finanzierte Behandlung in einer privaten Vertragseinrichtung ist von einer privat bezahlten Untersuchung zu unterscheiden.

Der Verband kritisiert, dass diese Zusammenarbeit zunehmend zu einem festen Bestandteil der Gesundheitsversorgung geworden sei, anstatt lediglich ergänzende Kapazitäten bereitzustellen.

Kritik an Verträgen und Verwaltung

De la Barreda erhebt darüber hinaus Vorwürfe gegen die Vergabepraxis des Kanarischen Gesundheitsdienstes (Servicio Canario de la Salud, SCS).

Er verweist auf Beanstandungen durch Kontrollinstitutionen und kritisiert unter anderem verlängerte beziehungsweise abgelaufene Verträge sowie die Aufteilung von Aufträgen.

Dabei handelt es sich um Vorwürfe und Bewertungen des Verbandsvertreters.

Ob bestimmte Vertragspraktiken im Einzelfall rechtswidrig waren, muss anhand der jeweiligen Prüfberichte, Verwaltungsentscheidungen oder gerichtlichen Feststellungen beurteilt werden.

Eine pauschale Feststellung, dass die gesamte Vertragsvergabe des SCS illegal sei, wäre deshalb nicht gerechtfertigt.

Der Verband fordert eine bessere Finanzierung und Verwaltung der öffentlichen Gesundheitsversorgung sowie Maßnahmen zur Verringerung der Wartezeiten.

Auch private Krankenversicherungen garantieren keine sofortigen Termine

Nach Darstellung von De la Barreda entstehen inzwischen auch im privaten Gesundheitssektor längere Wartezeiten.

Als einen Grund nennt er die Vergütung, die manche Versicherungsgesellschaften an Fachärzte zahlen.

Der Verbandsvertreter berichtet, dass privat zahlende Patienten bei bestimmten Anbietern teilweise schneller Termine erhalten als Patienten mit einer privaten Krankenversicherung.

Dabei handelt es sich um seine Einschätzung und geschilderte Erfahrungen, nicht um eine repräsentative Statistik sämtlicher Privatkliniken auf den Kanaren.

Wer eine private Krankenversicherung abschließen möchte, sollte deshalb nicht nur die monatlichen Beiträge vergleichen, sondern auch das verfügbare Ärztenetz, mögliche Wartezeiten, Eigenbeteiligungen und Leistungsausschlüsse.

Was können Patienten bei langen Wartezeiten tun?

Wer im öffentlichen Gesundheitssystem auf einen Facharzttermin, eine Untersuchung oder eine Operation wartet, kann sich über den eigenen Wartelistenstatus informieren.

Der Servicio Canario de la Salud bietet dafür eine persönliche Auskunft an.

Telefonnummern für Wartelisteninformationen:

  • 928 307 000
  • 922 951 600

Offizielle Informationen des SCS zu Wartelisten

Patienten können sich dort nach dem Stand ihrer Anmeldung und den vorgesehenen Verfahren erkundigen.

Bei bestimmten Behandlungen können zudem gesetzliche Wartezeitgarantien und Möglichkeiten einer Überweisung an andere Einrichtungen bestehen. Ob diese greifen, hängt von der jeweiligen Behandlung und den geltenden Voraussetzungen ab.

Wer Probleme mit der Versorgung hat, kann sich außerdem an die kanarische Patientenrechte-Stelle ODDUS wenden.

Offizielle Informationen zu Beschwerden und Patientenrechten

Bei einer akuten gesundheitlichen Verschlechterung sollte nicht einfach auf einen regulären Termin gewartet werden. In solchen Fällen ist eine erneute medizinische Beurteilung erforderlich.

Unsere Einordnung: Entscheidend ist der tatsächliche Zugang zur Behandlung

Der FADSP-Bericht wirft eine wichtige Frage auf: Wie gut funktioniert die öffentliche Gesundheitsversorgung, wenn immer mehr Menschen zusätzlich private Leistungen in Anspruch nehmen?

Die aktuelle Wartelistenstatistik zeigt, dass der Zugang zu Fachärzten für zahlreiche Patienten weiterhin mit Verzögerungen verbunden ist.

Gleichzeitig muss zwischen unterschiedlichen Formen privater Gesundheitsversorgung unterschieden werden.

Eine privat finanzierte Untersuchung, eine private Krankenversicherung und eine Behandlung in einer vom SCS beauftragten Privatklinik sind nicht dasselbe.

Auch der Privatisierungsindex des Verbands ist keine direkte Messung der medizinischen Behandlungsqualität.

Für Einwohner der Kanaren sind vor allem drei Fragen entscheidend: Wie schnell erhalten sie notwendige Untersuchungen und Behandlungen? Welche Leistungen übernimmt das öffentliche Gesundheitssystem? Und welche zusätzlichen Kosten entstehen ihnen persönlich?

Der Bericht der FADSP liefert dazu eine kritische Perspektive. Die offiziellen Wartelistendaten zeigen unabhängig davon, dass der Handlungsbedarf bei der fachärztlichen Versorgung weiterhin erheblich ist.

Quellen: FADSP, zwölfter Bericht zur Privatisierung der Gesundheitsversorgung, 6. Oktober 2026; Diario de Avisos, 18. Oktober 2026; ISTAC, Wartelistenstatistik vom 13. Oktober 2026; Servicio Canario de la Salud.

Originalbericht von Diario de Avisos

FADSP – Originalbericht 2026

ISTAC – Aktuelle Wartelistenstatistik

Hinweis: Diese Kurzmeldung wurde redaktionell aufbereitet und basiert auf öffentlich zugänglichen spanischen Quellen. Inhalte werden geprüft und verständlich zusammengefasst.

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